Im Gespräch mit Feinschmiedin Annie Sibert
Wie wird aus einem Haargummi, den man täglich benutzt und nie wirklich ansieht, ein Schmuckstück aus massivem Silber? Was haben ein QR-Code und eine 5G-Antenne mit jahrhundertealter koreanischer Einlegekunst zu tun? Und wie steckt in Haaren die Geschichte der Menschheit?
Die Feinschmiedin Annie Sibert hat mit amao.art über ihr Schaffen gesprochen — anlässlich einer Werkstattbesichtigung in Straßburg im Oktober 2025.
Annie Sibert (links) im Gespräch mit Johanna Czibulinski (amao.art) in Annies Studio im Werkstattkollektiv CRIC.
Alles was du weggibst,
gehört dir
Johanna (amao.art): Hast du eine Philosophie, ein Mantra oder einen Leitspruch, den du dir sagst, bevor du mit der Arbeit beginnst?
Annie: Gestern habe ich einen Film über Hirten im georgischen Kaukasus gesehen. Die hatten einen Spruch, den ich sehr inspirierend fand: „Alles, was du weggibst, gehört dir. Und alles, was du behältst, gehört dir nicht." Erst dachte ich, das ergibt keinen Sinn, aber wenn man darüber nachdenkt, dann doch. Ich habe ihn mir aufgeschrieben.
Ich habe kein fixes Mantra – für jede Arbeit kann das etwas anderes sein. Ich will flexibel bleiben. Eher habe ich Leitsätze fürs Leben, für den Alltag. Einen mag ich sehr, vom französischen Philosophen Gilles Deleuze: „La joie, c'est tout ce qui consiste à remplir une puissance", also ungefähr „Freude ist alles, was darin besteht, eine Kraft zu verwirklichen". Und einen von der Unternehmerin Kelly Massol: „Sei diejenige, auf die du gewartet hast." Der inspiriert mich sehr – gerade für Frauen, die eine Familie haben, selbstständig und Künstlerinnen sind, weil man solche Vorbilder selten sieht. Meistens bleiben sie eher im Verborgenen.

Eine magnetische Schrankwand dient Annie als Pinnwand für Inspirationen, Entwürfe, Dankesbriefe und Zitate.
Johanna: Und hast du ein Morgenritual, bevor du beginnst zu arbeiten?
Annie: Nein, ich mache jeden Morgen etwas anderes – außer Kaffee trinken. Eine befreundete Künstlerin hat ein richtiges Ritual: Sie meditiert und stimmt sich ganz auf ihre Arbeit ein. Ich dachte, vielleicht macht man das so, aber seit ich auch Mutter bin, gehe ich morgens meistens als Erstes zu meinem Kind.
Der Weg zum Handwerk
Johanna: Erzähl mir etwas zu deiner Geschichte. Wann war der Moment, an dem du dich für die Schmuckgestaltung entschieden hast?
Annie: An diesen Tag erinnere ich mich genau. Es war das erste Mal, dass ich in die Schmuckwerkstatt an der Schule kam, an der ich studiert habe – im zweiten Jahr. Ich erinnere mich an das Gefühl: Was für ein schöner Ort, und so voller Komplexität, weil es dort so viele verschiedene Werkzeuge gibt. Mich hat fasziniert zu lernen, wie man jedes einzelne benutzt.
Zu meiner Zeit hat man im zweiten Studienjahr eine Spezialisierung gewählt – ich habe sechs Monate Kommunikation und sechs Monate Objektstudien gemacht. An dieser Schule gibt es eine Glas-, eine Metall-, eine Schmuck-, eine Keramik- und eine Buchwerkstatt. Man kann in jede hineinschnuppern, Kurse belegen und sich danach für eine entscheiden.

Eine von Annies Werkbänken in ihrem Atelier in Straßburg
Johanna: Full circle moment! Du warst als Studentin von der Werkstatt fasziniert und bist dann selbst Lehrerin an dieser Schule geworden. Aber du hast ja auch viel zu geben!
Annie: Ja, aber jetzt bin ich erstmal wieder voll hier in der Werkstatt. Ich glaube, ich gehe in ein paar Jahren zurück ins Unterrichten.
Korea und die Einlegetechnik
Johanna: Du warst kürzlich in Korea. Was tust du generell, um deinen künstlerischen Horizont oder dein technisches Können zu erweitern?
Annie: Im Rahmen einiger Recherchen bin ich auf die koreanische ipsa-Technik gestoßen, also auf die Einlege- und Ziselierarbeiten mit feinen Silberfäden. Ähnliche Techniken gibt es aber auch in Indien, in Spanien und in Japan, dort nunome zogan genannt. Bei meiner ersten Koreareise vor zehn Jahre habe ich eine ipsa-Meisterin kennengelernt und mich von ihr in die Technik einführen lassen. Bei der letzten Reise ging es jetzt um eine bestimmte Art von Mustern, die ich seit längerem verwirklichen wollte. Ich hatte die Gelegenheit, erneut bei ihr zu arbeiten und weiter zu lernen. Ich wollte mit ihr noch einmal alle Schritte durchgehen, denn es sind viele: ziselieren, einlegen, reinigen, das Eisen schützen. Beim ersten Mal vor zehn Jahren hatte ich nicht die Gelegenheit, alle Einlege- und Finish-Schritte von der Meisterin begleiten zu lassen. Und dort wollte ich eben auch meine Musteridee weiter ausformen.
Johanna: Und hast dann unverhofft Inspiration in einer 5G-Antenne gefunden?
Annie: Ja. Ich bin nach Gwangju gefahren, eineinhalb Stunden von Seoul, und auf dem Weg zur Werkstatt der Meisterin habe ich diese 5G-Antenne gesehen, mit einem Vogelnest hinten dran. Am selben Tag sah ich eine andere 5G-Antenne, die mit künstlichen Bäumen umgeben war, um sie zu verstecken. Die künstliche Natur, von Menschen angebracht, und die echte Natur mit diesem großen Bedürfnis, Leben hervorzubringen – das war für mich ein „Wow, daraus kann ich etwas machen.” In meiner Arbeit war zuvor nie etwas Figuratives, ich musste mich nie entscheiden, etwas zu zeichnen oder darzustellen. Das war diesmal eine Herausforderung. Wir haben dann eine Übung auf einer runden Platte gemacht, ich habe alle Schritte mit ihr durchgeführt und dieses Bild mit dem Nest darin dargestellt. Vielleicht wird daraus eine neue Arbeit.
Probestück, gefertigt mit der ipsa-Technik. Annie Sibert fand Inspiration in der Umwelt: überall in Korea sah sie 5G-Antennen, die von künstlichen Bäumen und Nestern "verborgen" waren.
MEMORY FABRIC – vom Silberfaden zum Haar
Johanna: Diese Silberfäden, die erinnern mich ein bisschen an glänzende Haare. Korea, Haare, die ipsa-Technik: lass uns über deine Werkreihe MEMORY FABRIC sprechen.
Annie: Diese Arbeiten, hier eine achtförmige Brosche, stellt einen Knoten dar, inspiriert von traditionellen Frisuren in Korea: geflochten und in eine bestimmte Anzahl und Form von Knoten gelegt, hat jede Frisur eine Bedeutung, sie erzählt beispielsweise etwas über den sozialen Status oder den Familienstand. Es gibt auch Haarknoten, der gar nicht echt sind – also künstliche Haarteile. Der Haarknoten liegt in einer Schachtel, du nimmst ihn heraus und setzt ihn auf, wenn du das Haus verlässt oder Gäst:innen empfängst. Legst du ihn wieder in die Schachtel, trägst du diesen externen Marker und das Statussymbol nicht mehr. So gesehen ist er wie Schmuck – Haar und Schmuck, der Haar darstellt oder interpretiert.

Die Brosche MEMORY FABRIC ist mit der Silber-Einlegetechnik gefertigt. In ihr greift Annie traditionelle koreanische Haarknoten auf, die sie auf ihren Reisen kennengelernt hat.
Als ich die Einlegetechnik gelernt habe, mit der die Muster und Oberflächendekorationen hergestellt werden, wollte ich eine Verbindung zwischen dem Silberfaden und dem finden, was er darstellt. Eines Tages hat es mich getroffen: Es ist das Haar. Ich habe über Haar in jeder Hinsicht recherchiert und herausgefunden: Wissenschaftler können an einem einzigen Haar ablesen, was forensisch und toxikologisch gesehen in einem Leben passiert ist – ein Zentimeter entspricht etwa einem Monat. Du trägst deine Lebenszeit im Haar, deinen Stress, dein Wohlbefinden, dein Umfeld. Es ist also auch deine biologische Geschichte, und dass es Schmuck ist, hat für mich Sinn ergeben. Wenn man diese ein Zentimeter langen Muster sieht, ist es bei einem Menschen die Geschichte eines Monats; sieht man es als Haar von vielen verschiedenen Menschen, ist es die Geschichte der Menschheit.
Johanna: Schönes Konzept, die gewebte Menschheitsgeschichte, ihr MEMORY FABRIC, der Stoff, aus dem wir gemacht sind.
Annie: Genau. Und zudem ziseliere ich das Eisen in vier verschiedenen Richtungen, bevor ich Silber einlege: vertikal, horizontal und beide Diagonalen. Am Ende sieht es aus wie ein Gewebe, ein Bild von Stoff. Ipsa ist in MEMORY FABRIC wie Weben, nur mit dem Ziselierstichel.
Von Wolken und QR-Codes
Johanna: MEMORY FABRIC zeigt sehr gut, dass deine Arbeit immer zwischen Schmuck, Skulptur und Konzeptkunst oszilliert. Ein Stück, das diese Geschichte auch sehr gut erzählt, ist CLOUD.
Annie: Ja, das ist eine mehrteilige Skulptur, die ein Schmuckstück enthält: ein QR-Code, bestehend aus einem schwarzen Eisenquadrat, die weißen Quadrate des Binärcodes sind reines Silber. Der Code ist scanbar und man gelangt zu einem Video. Im QR-Code sitzt wiederum eine herausnehmbare Brosche in Wolkenform, die Cloud, in der sich das Video befindet. Es gibt also einen materiellen Teil der Skulptur und einen virtuellen. Wenn du die Brosche herausnimmst und trägst, hast du keinen Zugang mehr zum Code. Die Brosche ist wie ein Schlüssel oder eine Tür: Man entscheidet, ob man verbunden sein will oder andere verbinden lässt.

Das Werk CLOUD hat mehrere Ebenen: Wandbild, QR-Code, Brosche, Multimedia-Kunst.
Johanna: Was ist im Video zu sehen?
Annie: Es zeigt einen minimalistisch gestalteten Ausschnitt aus dem Herstellungsprozess. Man sieht die Platte. Ich ziseliere sie, aber man sieht weder meine Hand noch ein Werkzeug – nur die Platte mit etwas Staub darauf. Man muss genau hinschauen, um zu sehen, wie der Staub sich beim Ziselieren langsam hebt und senkt. Und ich habe bewusst eine Verzögerung zwischen Ton und Bild eingebaut.
Johanna: Als ich es gesehen habe, hatte ich sofort einen Gedanken. Der sich bewegende Staub ist ein bisschen wie eine Wolke, eine cloud – wie eine Bewegung am Himmel. Und die Verzögerung zwischen Bild und Ton hat mich an ein Gewitter erinnert. Erst sieht man den Blitz, dann hört man den Donner. Ich dachte, das sei das Konzept, bevor ich gemerkt habe “ach nein, das bist du bei der Arbeit.”
Annie: Das Stück spiegelt meine persönliche Geschichte aus der Zeit wider, in der ich diese Technik gelernt habe. Es erzählt auch von dem, was ich damals in Korea entdeckt habe – die Muster, die man in Tempeln und auf Keramik findet. Und eben die ipsa-Technik. Ich habe Museen besucht und die Kultur entdeckt, und gleichzeitig waren QR-Codes überall. Das war vor Covid, ich kannte QR-Codes kaum, aber ich habe diese Verbindung zwischen dem QR-Code und den geometrischen, traditionellen Mustern hergestellt – denn diese Muster haben kulturelle Bedeutungen. Ein bestimmtes Muster steht für Fruchtbarkeit, ein anderes für Langlebigkeit. Ich habe ein Buch mit all diesen Bedeutungen gefunden. Und QR-Codes tragen ja ebenfalls Informationen in sich, so kam die Verbindung. Den Namen CLOUD habe ich tatsächlich gewählt, weil ich bei meiner Recherche herausgefunden habe: Als das Internet erfunden wurde, wollte man es darstellen. Das Internet ist ja virtuell, aber es gibt überall Kabel – unter dem Meer, überall. Die Zeichnung davon sah aus wie eine Wolke, obwohl es nur all die Kabel waren. Und die Brosche hat die Form der koreanischen Wolke. Wolkenmuster gibt es in ganz Asien, denn die Wolke ist ein großes Symbol: Sie bringt Wasser, und mit dem Wasser kann das Leben wachsen. Und dann kam noch die Ebene mit dem in der virtuellen Cloud gespeicherten Video hinzu.
Bis es klickt – die Inspiration
Johanna: Kommt deine Inspiration immer so zu dir, wie bei MEMORY FABRIC oder CLOUD? Also durch die Umwelt und dann vertiefte Recherchen?
Annie: Das kann jedes Mal anders sein. Es hängt davon ab, ob ich aus einer eigenen Idee heraus arbeite oder zu einem Thema für eine Ausstellung. Oft auch durch bestimmte Techniken, die ich ausprobieren möchte. Am liebsten würde ich alle meine Ideen an die Wand hängen und dann über die Verbindungen nachdenken, die sich ergeben, und Neues finden. Ich recherchiere wohl jedes Mal viel, um etwas zu finden, das bei mir „klickt". Ich schreibe es auf und mache weiter, und oft sind es zwei, drei Dinge, die zu mir passen. 

Auf der Empore in Annies Atelier ist Platz für einen großen Tisch, auf dem sie ihre vielen Ideen ausbreiten, ordnen, mischen, und in Konzepte verwandeln kann.
Johanna: Du eignest dir also immer sehr viel Wissen zu den Themen an, die du verarbeitest. Die Bauart von Elsässer Häusern, die Physik und Chemie einer Schneeflocke, Haare, dann Palmblätter und Bäume. Du nimmst die Dinge nicht einfach, wie sie sind, sondern fügst ihnen eine der mehrere Bedeutungsebenen hinzu. Wie geht es bei einem Konzept weiter – machst du nach der Recherche eine Zeichnung und fängst dann an, oder schaust du erst auf die Materialien?
Annie: Ich mache das, was ich tun muss. Manchmal zeichne ich, weil ich die Form festhalten muss, weil ich sie sonst nicht sehe. Manchmal sehe ich die Form direkt und weiß, dass sie genau so wird. Manchmal muss ich am Maßstab arbeiten, manchmal vergesse ich etwas und mache es noch einmal. Es hängt davon ab, wo ich tiefer gehen muss: ob ich mit jemandem sprechen muss, um einer Sache sicher zu sein, oder mit jemandem zusammenarbeiten, um mir einer Geste sicher zu sein, wenn es ein technischer Teil ist. Mal zeichne ich, mal nicht – manchmal mache ich direkt Modelle, also Tests.
A song of fire, iron and silver
Johanna: Du arbeitest mit vielen verschiedenen Edelmetallen.
Annie: Manchmal benutze ich Gold, Vermeil oder Kupfer, aber nicht immer. Meistens ist es Eisen und Silber.
Annie ziseliert mit Hammer und Mei ßel eine Eisenplatte – durch tausende kleiner Bewegungen entsteht ein feines Muster.

Die ziselierte Eisenplatte. Bevor die Silberfäden eingelegt werden können, folgen noch viele weitere Meisselungen in horizontaler und digitaler Richtung.
Johanna: Welche Wirkung haben die Materialien auf deine Arbeiten und auf die Menschen, die sie tragen?
Annie: Das ist sehr persönlich – was ich fühle, ist vielleicht anders als das, was die Trägerin fühlt. Ich habe mein Empfinden, sie haben ihres. Ich mag Metalle, weil sie sich bewegen und verändern. Wenn man sie anfasst, sind sie kalt, aber wenn man sie bei sich trägt, nehmen sie die Wärme des Körpers an. Das mag ich sehr. Vielleicht fange ich eines Tages an, mit Stein zu arbeiten.
Johanna: Musik spielt für dich auch eine große Rolle, du hast lange Geige gespielt. Gibt es musikalische Spuren in deinen Metallarbeiten?
Annie: Ich habe als Kind angefangen, erst Musik und Bewegung, dann ab etwa sechs Jahren Geige gespielt, bis zum Abitur. Als ich zum Studium nach Straßburg kam, hatte ich noch ein Jahr Unterricht in Mulhouse und bin einmal pro Woche dorthin zurückgefahren. Gleichzeitig war ich sechs Jahre im Universitätsorchester in Straßburg und habe in einer Gruppe für elektronische Musik gespielt – eine Art Fusion. In meinem Abschlussjahr an der Kunsthochschule habe ich mich dann ganz darauf konzentriert, alle Stücke für mein Diplom vorzubereiten, und bin danach voll in die Werkstatt gegangen. Die Geige steht immer griffbereit, aber im Moment spiele ich nicht jeden Tag.
Aber Musik beeinflusst stark, wie ich Dinge fühle – sie ist in die Art eingeschrieben, wie ich arbeite. Ich habe keine musikalischen Stücke als Vorlage, aber Musik ist ein Weg, Emotionen und Empfindungen auszudrücken, und Kunst und Skulptur können denselben Wegen folgen.
Über Komplexität in minimalistischen Werken
Johanna: Gibt es so etwas wie eine Schreibblockade, aber für Schmuckkünstlerinnen? Eine Blockade, bei der du nicht weiterkommst und nicht weißt, wohin das Stück soll?
Annie: Ja, das kann passieren – dann mache ich es noch einmal. Manchmal mache ich ein Stück drei- oder viermal, bis es genau richtig ist. Mit den Jahren versuche ich, vor dem finalen Stück mehr nachzudenken. Früher habe ich zu viele Ideen in ein Stück gepackt, und das kann mich blockieren oder schiefgehen. Deshalb versuche ich, nach jedem Stück das nächste einfacher zu machen – ich mag es eigentlich sehr, wenn es minimal ist.
Johanna: Das ist lustig, denn vom Aussehen her sind deine Stücke ja durchaus minimal – sie haben keine Edelsteine, keine Filigranarbeit. Aber das Konzept ist oft super komplex.
Annie: Ja, manchmal zu komplex. Ich kann mich in all meinen Ideen verlieren. Dann will ich aufräumen und manches weglegen – vielleicht für ein anderes Stück. So komme ich auch manchmal aus der Blockade.
Johanna: Machst du jemals Kompromisse bei deinen Ideen, um zu verkaufen?
Annie: Eine wirklich interessante Frage. Wenn eine Galeristin mich bittet, etwas zu ändern, sage ich Nein. Ich hatte zum Beispiel eine Serie von Ringen mit einer bestimmten, recht großen Dicke – und ich will diese Dicke, denn wenn ich darunter gehe, ist es nicht mehr mein Stück. Manchmal, wenn Leute mich um ein Schmuckstück bitten, einen besonderen Auftrag erteilen, geht es um Fragen der Praktikabilität, also wie tragbar ein Stück sein muss. Aber bei Symbolik, Konzept und der Idee hinter einem Werk mache ich sehr selten Kompromisse.
Bei der Dicke ihrer Ringe macht Annie Sibert keine Kompromisse: die Wahl des Materials und deren Stärke gehören für sie zum Konzept des jeweiligen Objekts, hier bspw. bei der Kollektion AEROLITE.
Johanna: Machst du zum Beispiel Eheringe? Da ist die Idee dahinter ja eigentlich per definitionem vorgegeben.
Annie: Ja, oft! Ich habe einmal Eheringe mit einem Binärcode gemacht – ein Insiderwitz, weil das Paar in der Computerwelt arbeitete. Für sie war es ein Silberring mit einem winzigen Quadrat aus Eisen, ein Millimeter mal ein Millimeter; sie hat mir den Binärcode gegeben, und ich habe ihn auf den Ring gesetzt. Für ihn war es umgekehrt – das Quadrat aus Silber. Manchmal kommen Leute mit einer besonderen Geschichte oder einem besonderen Wunsch für die Eheringe, und manchmal lehne ich ab, weil ich es nicht machen will oder nicht kann. Mit Stein zum Beispiel arbeite ich nie, für die speziellen Fassungen bin ich beispielsweise keine Expertin. Dann kann ich den Ring machen und jemand anderen bitten, den Stein zu setzen. Und manchmal fragen Leute nach einem bestehenden Objekt aus meinem Portfolio als Ehering. Das freut mich dann auch sehr.
Johanna: So, wie du das sagst, klingt es nicht, als würdest du dich je verkaufen – als würdest du je etwas machen, das du nicht willst. Die Eheringe mit dem Binärcode passen so gut zu dir!
Annie: Ja, das war in Korea, 2015. Ich arbeitete ein bis zwei Tage die Woche bei der ipsa-Meisterin, und an den übrigen Tagen hatte ich einen kleinen Tisch in einer Werkstatt mit vielen anderen. Dort habe ich das gemacht.
Ist es ein Haargummi? Ist es Silber? JE TE TIENS
Johanna: Deine Kollektion, die auf amao.art präsentiert ist, heißt JE TE TIENS, auf Deutsch „Ich halte dich". Wie kam die Idee, und was bedeutet „Je te tiens" für dich, wörtlich und metaphorisch?
Annie: Die Idee kam mir 2006 in Genf. Ich habe einen Kurse zur Fonte à la cire perdue, dem Wachsausschmelzverfahren, und anderen Formtechniken belegt. Ich hatte meinen Haargummi dabei und beschloss, im ersten Kurs dieses Objekt in einen Drei-Finger-Ring zu verwandeln. Nach und nach sind dann viele weitere Schmuckstücke entstanden, erst letztes Jahr habe ich ein neues in die Kollektion aufgenommen.
Johanna: Moment, du hast ein Haargummi in Form gegossen?
Annie: Es war die Idee, etwas zu verwandeln, mit dem ich jeden Tag unbewusst spiele und das zugleich eine echte Funktion hat. Diese Funktion ist in den Schmuckstücken übersetzt: Ich kann zu meinem Objekt sagen „Ich halte dich" – vorher hat das Objekt mich mental und meine Haare im Wortsinn gehalten. Daher kommt der Name. Ich war außerdem verliebt in die Tatsache, dass es ein alltägliches Objekt ist, das jeder kennt – ein sehr feinfühliges Objekt mit lauter kleinen Details.

Drei Modelle des Armreifs OVE aus unterschiedlichen Metallen.
Johanna: Und wie hast du das technisch umgesetzt?
Annie: Der erste Schritt bei der Lost-Wax-Technik, um ein bestehendes Objekt in ein Metallobjekt zu verwandeln, ist, einen Abdruck anzufertigen. Man drückt das Objekt also beispielsweise in einen Block Ton oder taucht es in Silikon und bedeckt es komplett mit dem Material; bis auf einen kleinen Giesskanal, aber dazu gleich. Man muss die Mitte des Querschnitts zuvor markieren, damit man zwei gleiche Hälften des Abdrucks erhält. Das war beim Haargummi sehr heikel, weil der nur etwa zwei Millimeter Durchmesser hat. Nachdem das Abdruckmaterial getrocknet ist, öffnet man die zwei Hälften und hat nun die zweiteilige Gussform für das Wachs. Man nimmt also das Haargummi heraus - alle feinen Rillen, die Schliesse, das alles ist im Abdruck zu sehen. Die zwei Hälften der Form werden dann aneinandergepresst, durch den Giesskanal wird flüssiges Wachs gegossen, das sich dann im Hohlraum, also dem Abruck des Haargummis, ausbreitet und einen Wachshaargummi herstellt. Dieses Wachsmodell wird dann nach dem Erkalten wieder aus der Form genommen und in einer speziellen feuerfesten Gipsmasse erneut eingeformt, mit einem Auslass. Diese Gipsform kommt dann in den Ofen, wobei zum einen der Gips solide wird, zum anderen das Wachs ausschmilzt. Die Gipsform mit dem Haargummi-Hohlraum kann jetzt mit flüssigem Silber oder einem anderen Metall gefüllt werden, wodurch das Haargummi-Schmuckstück entsteht. Der anfängliche Aufwand ist also relativ hoch, aber so entsteht eine Form, die man immer wieder nutzen kann.

Der Fingerring OYA aus Annies Haargummi-Kollektion
Johanna: Es ist bemerkenswert, denn jeder mit langen Haaren hat viele davon, und sogar Menschen ohne lange Haare haben oft Haargummis herumliegen, weil immer Leute mit Haaren in der Nähe sind. Es ist ständig präsent, aber man sieht es nie wirklich. Sobald du es durch dein oben beschriebenes Verfahren in Edelmetall verwandelst und ihm seine eigentliche Funktion nimmst, wird es noch besonderer – vielleicht schaut man es da zum ersten Mal richtig an. Und weil es verschiedene Modelle gibt, den Armreif, aber auch die gebundenen oder geknoteten Ringe udn Fingerringe, denkt man auch darüber nach, wie jeder damit herumspielt.
Annie: Mein Ziel war ein Silberobjekt, das man auf einen Tisch legt, ohne zu erkennen, dass es Schmuck ist, weil alle Oberflächendetails da sind. Man hält es für einen Haargummi, aber wenn man es in die Hand nimmt, merkt man, dass es das nicht ist, und fragt sich vielleicht: Ist es eine Skulptur? Der ursprüngliche Drei-Finger-Ring OVE ist der skulpturalste aus der Kollektion.

Der Drei-Finger-Ring OVE aus der Kollektion JE TE TIENS "hält" einen auf besondere Art und Weise: nämlich fest. Er fessel drei Finder aneinander.
Johanna: Ja, OVE hat auch das stärkste Konzept, weil zusätzlich zur Tatsache, dass du ihn hältst und er zuvor deine Haare gehalten hat, hält er dich, weil er dich unbeweglich macht. Ich habe ihn anprobiert, weil er mir so gefällt, und dachte: Im Alltag kann man ihn nicht tragen, weil er dich in gewisser Weise festhält, fast fesselt, die drei Finger nicht wirklich nutzbar sind. Es ist eher ein Stück, das man als Schmuck zu einem Anlass trägt.
Annie: Ja, es gibt diese Beziehung – manchmal muss man mit so einem besonderen Schmuckobjekt eine Art Vertrag schließen, sich darum kümmern und ihm Aufmerksamkeit schenken. Dieses ist eines davon.
