Interview mit Porzellan-Künstler Jungwoon Lee

Wie wird ein Flokati-Badteppich Anstoß einer Werkreihe von Vasen? Was hat eine Spätzlepresse in einem Porzellan-Atelier zu suchen? Und wo ist die Parallele zwischen jahrtausendealte Ruinen aus Mesopotamien und pastelligen Tischobjekten? 

Der Porzellan-Künstler Jungwoon Lee hat mit amao.art über sein Schaffen gesprochen; anlässlich der Vernissage der Ausstellung ALL FIRED UP, die von 25. Februar bis 9. Mai 2026 in Freiburg stattfand. 

Der Porzellankünstler Jungwoon Lee spricht mit amao.art über sein Schaffen anlässlich der Vernissage einer Ausstellung: Wie wird ein Flokati-Badteppich Anstoß einer Werkreihe von Vasen? Was hat eine Spätzlepresse in einem Porzellan-Atelier zu suchen? Und wo ist die Parallele zwischen jahrtausendealte Ruinen aus Mesopotamien und pastelligen Tischobjekten?
Künstler Jungwoon Lee im Interview mit Johanna Czibulinski (amao.art): Wie kommen die Fussel an seine Porzellan-Vasen? Was hat ein Badteppich damit zu tun? Und wie unter Zeitdruck manchmal doch alles schneller von Hand geht.

 

Johanna (amao.art): Wenn ich an Porzellan denke, habe ich immer eine kleine Tasse mit Goldrand im Kopf, bei der der Henkel zu klein für die Finger ist und die im Schrank der Großeltern steht. Wenn man jetzt aber deine Werke ansieht, zum Beispiel die Werkreihe FURTHO, ist das überhaupt nicht das, was man sich klassisch unter Porzellan vorstellt. Wie kamst du zum Porzellan – und vor allem dazu, dass es so aussieht?

Jungwoon Lee: Porzellan ist eigentlich für seine glatten, filigranen Eigenschaften bekannt. Ich wollte damit aber eine Textilstruktur ausprobieren. Ich habe mich gefragt: Wie kann ich eine textile Struktur aus Porzellan gestalten, und welche Möglichkeiten gibt es dafür? Das war mein erster Ansatzpunkt.

Johanna: Mit „Textilstruktur" meinst du dieses Fransige, fast Flauschige?

Jungwoon Lee: Ja. Ich wollte damals bewusst nicht den klassischen Weg der Keramikherstellung gehen, sondern meinen eigenen Weg finden und neue Idee ausprobieren.

Details der extrudierten Porzellanfussel an den Vasen FURTHO III und FURTHO IV 

Vom Badteppich zur Vase | Porzellan aus der Spätzlepresse

Johanna: Die Frage, die besonders interessiert: Wie macht man das überhaupt? Wie kommt man zu diesen „Fusseln" an den Vasen?

Jungwoon Lee: Als ich mal geduscht habe, da ist mein Blick auf den Fußteppich im Bad gefallen, das hat mich inspiriert. Ich habe recherchiert und experimentiert, welche Möglichkeiten es für die Umsetzung gibt. Als erstes Experiment habe ich einen Extruder gebaut, einen Aufsatz für eine Stanzpresse, damit das Porzellan in einer nudelartigen Struktur herauskommt.

Johanna: Darf ich mir das wie ein Spätzlepresse vorstellen? 

Jungwoon Lee: Genau, da kam dann das spaghettiförmige Porzellan raus. Meine zweite Herausforderung war dann: wie kann ich diese extrudierten dünnen "Schlangen" transportieren, also die langen Porzellan-Würstchen aus dem Extruder auf eine Porzellanplatte aufbringen? Dafür habe ich sehr viel ausprobiert: zum Beispiel auf Papier zu extrudieren oder auf geschmolzenes Bienenwachs. Ich wollte herausfinden, welches Material sich als Transportmittel am besten eignet. Am Ende habe ich Bienenwachs und ein transparentes Papier gefunden, mit denen ich das extrudierte Porzellan transportieren konnte. Die verschiedenen Stadien dieser Flormuster, also die extrudierte Fäden oder Fusseln oder Würstchen auf den diversen Trägermedien hängen auch in der Ausstellung. 

Jungwoon Lee prüfte verschiedene Methoden, um den kurzen Porzellan-Flor für die Vasen herzustellen. Hier stellt er lange, spagehttiförmige Schlange her, um Material und Technik zu testen. 

Achtzehn Flormuster in weissem Porzellan auf hängen in einer Galerie an der Wand, sie zeigen die verschiedenen Testphasen, wie feine Porzellanschlangen auf Trägermedien extrudiert wurden, um sie anschliessend auf die Porzellanvasen anzubringen.
Flormuster für den Besatz der FURTHO-Werkreihe, Porzellan auf verschiedenen Trägermedien wie Porzellan, Papier und Bienenwachs. 

Johanna: Und wenn die Fäden aus dem Extruder kommen, sind sie schon in dieser kurzen Form, fertig zum Anbringen auf den Vasen? 

Jungwoon Lee: Genau, sie haften dann auf dem Bienenwachs. Die Idee war, sie dann samt dem Wachs auf den Vasen aufzubringen. 

Johanna: Und das Bienenwachs schmilzt anschließend und die Fussel bleiben an der Vase haften. 

Jungwoon Lee: Das war meine erste Idee, aber sie hat nicht so richtig geklappt. Vieles ist doch abgebrochen oder hat nicht optimal gehaftet, am Ende habe ich bei allen FURTHO-Vasen jedes einzelne Würstchen von Hand aufgesetzt und fixiert. Stück für Stück.

Frage aus dem Publikum: Das heißt, die Muster, die drüben hängen, sind die verschiedenen Stadien, bis du an den Punkt gekommen bist, an dem es funktioniert hat?

Jungwoon Lee: Jein. Die Proben gehören zum Prozess – aber am Ende, unter Zeitdruck, habe ich es dann von Hand durchgezogen. FURTHO war meine Abschlussarbeit im Bachelor und ich hatte eine Deadline. Stück für Stück von Hand aufzubringen ging schneller, als weitere Experimente anzustellen.

Frage aus dem Publikum: Bevor du die Fäden aufbringst, müssen sie aber gebrannt sein, oder? Sonst wären sie ja zu weich.

Jungwoon Lee: Wenn die Schlangen aus dem Extruder kommen, sind sie zunächst weich. Dann gruppiere ich sie und lasse sie antrocknen. Danach verbinde ich sie mit Schlicker [Anm.: flüssiges Gemisch aus Wasser, Kaolin, Quarz und Feldspat, aus dem auch Porzellan gegossen wird].

Die Porzellan-Vase FURTHO I

Intarsien statt Malerei

Johanna: Ich würde gern noch kurz bei den FURTHO-Vasen bleiben, aber auf einen anderen Punkt eingehen. Wenn man die Vasen auf den ersten Blick sieht, denkt man, du hättest sie mit blauen oder türkisen Streifen bemalt, bevor du sie in den Ofen gegeben hat. Das ist aber nicht so, richtig?

Jungwoon Lee: Genau. Das sind Intarsien, keine Malerei. Die eingelegten Streifen und Farbflächen haben eine eigene Dicke und ein eigenes Volumen. Dadurch entstehen präzise, kleine Details an genau der Stelle der Übergänge. Bemalte Farbe finde ich zweidimensional, aber in der Intarsie ist sie dreidimensional.

Die Gussform einer Vase der Werkreihe FURTHO mit Aussparungen für die Intarsien und dem rosa Sockel der Vase steht auf der Werkbank

In der Gießform für die Grundstruktur der Vasen befinden sich Aussparungen für die Intarsienplättchen (hier blau) die spätere eingelegt werden. 

Johanna: Wenn man auf die Kanten schaut, an denen die Vasen vom schmaleren zum dickeren Quader übergehen, sieht man sogar die eingelegten Plättchen. Es gewinnt, wie du sagst, an Dreidimensionalität, obwohl die Oberfläche ja eben ist.

Jungwoon Lee: Ja. Die präzisen Details, die ganze Form und die Konstruktion sind miteinander verbunden und erweitern sich gegenseitig.

Johanna: Du hast dir also mit den extrudierten Fusseln und den Intarsien zwei Techniken für FURTHO ausgesucht, die extrem aufwendig sind. Kannst du den Einlegeprozess der Intarsien beschreiben?

Giessform der Vase FFS im Atelier von Jungwoon Lee, die blauen, rosa und grünen Intarsien sind beretis nit Schlicker fixiert.
Die Intarsien der Vase FFS zusammengesetzt und mit Schlicker verbunden in der Giessform auf der Werkbank im Atelier von Jungwoon Lee. 

Jungwoon Lee: Bei den Vasen gieße ich die farbigen Streifen, also die Intarsienplättchen zuerst auf eine Schablone, ziehe sie dann von der Schablone ab und übertrage sie in die vier Seitenteile der Vase, die zuvor mit Aussparungen für die Intarsien selbst gegossen wurden. Dann werden die vier Teile zusammengesetzt und in Form verputzt. Beim Entformen aus der letzten Gussform entstehen immer kleine Lücken zwischen den farbigen Streifen und dem großen weißen Bereich. Dort habe ich mit einer feinen Nadel Linien eingeritzt und mit dem Pinsel ein dunkles Blau aus Schlicker eingefügt. Im lederharten Zustand habe ich es dann mit einer Klinge abgezogen und anschliessen mit Sandpapier geschliffen – so entstehen die feinen Linien zwischen dem Grundkörper der Vase und den Intarsien. 

Der Künstler Jungwoon Lee arbeitet an seinem Ateliertisch an den Intarsien der Vase FURTHO
Ein feiner Zwischenraum zwischen Intarsie und Grundform der Vase wird von Jungwoon mit blauem Schlicker verputzt, nach kurzer Trocknungszeit wird der Überschuss abgezogen und mit Sandpapier glattgeschliffen. 

Johanna: Wie lange dauert es, bis du eine Vase komplett fertig konstruiert hast?

Jungwoon Lee: Pro Vase brauche ich eine Woche. 

Johanna: Und wie viele Vasen gibt es insgesamt?

Jungwoon Lee: Hier in der Ausstellung sind alle verbleibenden Stücke. Es gibt also insgesamt, Stand jetzt, sieben Stück [Anm. Mai 26: aktuell gibt es noch sechs Vasen der Werkreihe FURTHO, die ab Juli 26 bei der xxx in München ausgestellt sind]. 

Zwischen antikem Mesopotamien und Bonbon-Pastell

Johanna: Weg von dieser Serie – du hast ja noch andere Vasenmodelle, FFS (Form Farbe Struktur) und ELEMENT unter anderem. Letztere sieht ein bisschen aus wie ein Gebäude. Ich assoziiere immer ein Fabrikgebäude, das von innen beleuchtet wird. In einem früheren Gespräch haben wir über Architektur gesprochen, und du hast gesagt, dich interessiere auch Göbekli Tepe – die Ausgrabungen aus dem 10. Jahrtausend vor Christus im damaligen Mesopotamien. Wie passt das zusammen?

Die Vase ELEMENT mit Intarsien in Türkis und Orange ist ein Einzelstück.

Jungwoon Lee: Damals habe ich mich stark von antiken Bauten wie in Mesopotamien und von ursprünglichen architektonischen Bauweisen inspirieren lassen. Ich wollte eine Konstruktion aus Basis-Elementen schaffen. Die Serie FFS ist nach FURTHO eine vertiefende Übung mit Intarsienarbeit. Sie ist noch komplizierter, die farbigen Flächen sind gegeneinander versetzt und die Lücken zwischen Intarsie und Grundkörper sind nicht mehr mit farbig abgehobenem Schlicker gefüllt sondern nahtlos. Mich interessiert architektonische Ordnung, die durch Wiederholung und Unterschiede entsteht. Wenn ich ein Gebäude betrachte, sehe ich nicht nur die Fassade, sondern auch die Materialien, die Konstruktion und die Oberfläche – zum Beispiel bei einer gestapelten Ziegelwand, da nehme ich zuerst sich wiederholende, gestapelte Ziegel wahr. Aber da fallen auch immer die kleinen Unregelmässigkeiten direkt ins Auge, die sich in der Ordnung befinden. Wie beispielsweise gebrochene Ziegel oder unregelmässiger Mörtel. 

Johanna: Ja diese Faszination, das merkt man deinen Werken an, diese Suche nach Symmetrie und Geometrie, und wie man damit brechen kann, ohne die optische Harmonie zu stören. Mich erinnern deine Vasen auch an etwas Brutalistisches, gerade FFS: unten schmal und oben breiter, oder vice versa, der geschachtelt, einandergeschobene Aufbau. Und dann kommt der Bruch: ein bisschen pudriges Rosa, ein bisschen pastelliges Türkis. Oder bei FURTHO das harte Material und die weiche “Flokati-Optik”. Hast du Spaß daran, dass es Leute irritiert, oder ist es für dich eher etwas Technisches?

Jungwoon Lee: Das macht mir richtig Spaß, die Leute zum Hinschauen und Zweimal-Denken zu bewegen.

Jungwoon Lee löst gruppierte Flor-Cluster von der Siebplatte ab. 

Johanna: Zum Schluss würde ich gern noch wissen: Du hast gerade als Masterarbeit Porzellanziegel gebaut, bei denen du auch mit Formen aus dem Extruder gearbeitet hast – ich kann euch nur empfehlen, euch Jungwoons andere Objekte auf Instagram anzuschauen, gerade die Ziegel sind etwas Besonderes. Worauf hast du jetzt Lust? Was kommt als Nächstes?

Jungwoon Lee: Bis jetzt habe ich mich mit der Herstellung von Porzellan-Granulat beschäftigt – wie man Granulat aus Porzellan produzieren kann. In dem Prozess habe ich auch eine Pressform und einen Extruder gebaut. Als Nächstes möchte ich mit verschiedenen zusätzlichen Materialien experimentieren, zum Beispiel Glas, um zu testen, wie sie zusammenwirken und harmonieren können.

Johanna: Ich habe als Rauswerfer noch fünf schnelle Fragen. Lieber Ordnung oder kreatives Chaos im Atelier?
Jungwoon Lee: Kreatives Chaos.

Johanna: Intuition oder Planung?
Jungwoon Lee: Planung.

Johanna: Lieber eine Sache perfekt beherrschen oder vieles ganz gut können?
Jungwoon Lee: Eine einzelne Sache richtig beherrschen.

Johanna: Bauhaus oder Brutalismus?
Jungwoon Lee: Brutalismus.

Johanna: Und zum Schluss: Korean Barbecue in Halle oder Schnitzel und Pommes in Seoul?
Jungwoon Lee: Korean Barbecue in Halle.